Vorbemerkungen zu Explorer-Aktien

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Xeno
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Vorbemerkungen zu Explorer-Aktien

Beitrag von Xeno » 31. Januar 2021, 00:04

Liebe Community

Hier wenige Bemerkungen zu Explorer-Aktien:

Ein Explorer ist ein Unternehmen im Rohstoffabbau (oft Bergbau, kann aber seltener auch Tiefseeabbau sein), das die erste Phase von Projekten umsetzt. Das umfasst vor allem umfassende geologische Studien, den Erwerb der nötigen Abbaulizenzen der Behörden des zuständigen Staates und Verträge mit den betroffenen Grundeigentümer, dann im Erfolgsfall die Planung des Baus der Mine(-n) und der zusätzlich nötigen Infrastruktur (Transportweg bis zum nächsten relevanten Hafen, Versorgungsinfrastruktur für die Mineure, Wasserzugang, Stromzugang). Ab Inbetriebnahme der Mine liegt ein anderes Business vor, dass entweder durch den ehemaligen Explorer oder aber durch ein Mining-Unternehmen, dass dem Explorer das Projekt abgekauft hat.

Explorer brauchen sehr hohe Investitionsbeträge (300 bis 600 Millionen $ sind realistisch) bis zur Inbetriebnahme der Mine, und zwar, bevor auch nur 1 $ verdient wird. Das Projekt kann aber natürlich auch schon in einem früheren Stadium weiterverkauft werden. Viele Explorer finanzieren sich per Eigenkapital über Aktionäre; Finanzierungen mit Fremdkapital (Kredite) sind natürlich auch möglich, aber oft von eher zweitrangiger Bedeutung, da die Bonität von Explorern, vor allem in frühen Phasen, als sehr fraglich gilt. Die Explorer führen deshalb häufige und massive Kapitalerhöhungen durch, also konkret, sie geben immer wieder neue Aktien aus. Das ist zwar selbstverständlich eine völlig legitime Finanzierungsart, bedeutet aber auch, dass das Aktieneigentum immer mehr verwässert wird (oft um Faktoren bis Potenzen).

Exploreraktien sind hochriskant und haben nahezu oder vollauf Optionscharakter: Sie sind eine Wette, sehr viel stärker als eine Investition in ein produzierendes Unternehmen. Es gibt sehr viele grosse Risiken: Unter Umständen werden Unsummen verballert bis zum Ergebnis, dass ein Abbau unmöglich oder unsinnig ist (z. B. zu schlechter Gehalt, technische, logistische oder politische Grossrisiken). Weiter sind Explorer indirekt auch von z. T. äusserst volatilen Rohstoffmärkten abhängig. Einige dieser Märkte sind nicht nur volatil, sondern auch noch intransparent (z. B. Lithium-Markt). Der Verlauf der Weltkonjunktur spielt genau so herein wie bei allen Unternehmen. Dazu kommt noch eine besondere Abhängigkeit von äusserst unvorhersehbaren "Launen" zentraler Akteure, etwa der Weltpolitik oder der Anleger. Ethische Fragen in Bezug auf Arbeitsbedingungen der Mineure, Umweltschutz, Beachtung der indigenen Bevölkerung und Verhältnis zu z. T. dubiosen politischen Regimes sind die nächsten Tretminen. Sowohl das Konkursrisiko wie (häufiger) das Risiko ewigen Kurszerfalls ist bei Explorern Alltag. Auch Alltag ist, dass Hasardeure, Irre und Lügenbolde durchs Netz toben und irgendetwas erzählen über angebliche Wunderaktien in diesem Bereich.

Ohne enormen Ausbau der Rohstoffgewinnung wird es nix mit Beibehaltung unseres westlichen Lebensstandards und schönen Entscheiden wie dem Umstieg zur E-Mobilität. Das Wettern gegen Arbeitsbedingungen usw. in Minen auf jenen Gerätschaften, die exakt aus den dort geförderten Rohstoffen hergestellt sind, gehört zur galoppierenden Politschizophrenie unserer Tage. Lustig sind auch Rundmails gegen den CO2-Ausstoss, wenn man mit Schätzungen desselben durch solche Mails antwortet. Nicht irritiert sein: Weder will ich zehnjährige Kinder in kongolesischen Cobaltminen verrecken lassen, noch nehme ich die Klimaänderung nicht ernst (ich halte sie für die grösste Bedrohung der Lebensgrundlagen des Menschen im 21. Jahrhundert, dagegen ist Corona ein lauer Furz). Ich stelle nur fest, dass sich derzeit alle permanent selber im Minutentakt widersprechen. Ethische Grundfragen werden von mir bei Aktienkäufen mitberücksichtigt und reflektiert, im Rahmen des Machbaren für einen Normalo.

Australien bzw. die ASX ist (neben Kanada) ein besonders wichtiger Handelsplatz für Explorer. Das liegt vorab daran, dass Australien, bei sehr hohem Standard in allen Lebensbereichen, viele Bodenschätze und eine sehr hohe Expertise im Rohstoffabbau hat. Viele Explorer sind (nur oder teils) in Australien selber tätig, andere aber auf allen Kontinenten. Aufgrund der speziellen geografischen Lage Australiens bei gleichzeitig westlichen Standards ist es typisch für die australische Wirtschaft (nicht nur für Explorer), dass sie Binnenwirtschaft und Aussenwirtschaft zwanglos kombiniert. Auch typisch ist eine erhöhte Expertise im Umgang mit extrem schwierigen, "unfreundlichen" klimatischen Bedingungen und mit sehr grossen Distanzen (Anekdote: Als ich, wohnhaft im unfassbar schönen Kanton Bern, einen australischen Bekannten zu Besuch hatte vor vielen Jahren, kochten wir abends zusammen. Da fehlte uns eine Zutat, irgendein Gewürz. Sagte der australische Bekannte: "Du kennst doch jemanden in Zürich und noch jemanden in Freiburg. Wir rufen die an und fragen, ob sie das haben, dann holen wir das Gewürz." 200 bis 300 Kilometer Fahrt waren für den locker drin für so etwas!).

Let's go!

Lg X.

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Re: Vorbemerkungen zu Explorer-Aktien

Beitrag von Meerkat » 31. Januar 2021, 10:57

Spannende Sache.
Die Frage ist also u.a. nach welchen Rohstoffen gesucht wird, d.h. welche werden in Zukunft gefragt sein werden. Wie erwähnt Lithium für Batterien, aber vermutlich weniger für Kohle. Grosse Player werden wohl auch nicht so demokratische Staaten wie Chine, Russland und diverse afrikanische Staaten sein. Das heisst, dass man sich in seinen Ueberlegungen nicht allein auf Australien und deren Explorer abstützen kann. Beispiel: Was nützt es, wenn Li in Australien in geringen Mengen gefunden wird und dann CN dieses plötzlich in rauhen Mengen auf den Markt wirft.
Ich denke diese Art Aktien sind vor allem für Leute interessant, die, neben einem gewissen Zockertrieb, vor allem auf reale zukünftige und globale Entwicklungen reagieren. Vermutlich, ich weiss es nicht, sind sie weniger geeignet für Trader, die auf Entscheide mittels Technischer Analyse basieren (prophezeiende Historiker :D nothing for ungood).
Sind solche Explorer-Aktien also eher etwas für Langfristanleger?

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Re: Vorbemerkungen zu Explorer-Aktien

Beitrag von Xeno » 31. Januar 2021, 22:49

Meerkat hat geschrieben:
31. Januar 2021, 10:57
Spannende Sache.
Die Frage ist also u.a. nach welchen Rohstoffen gesucht wird, d.h. welche werden in Zukunft gefragt sein werden. Wie erwähnt Lithium für Batterien, aber vermutlich weniger für Kohle. Grosse Player werden wohl auch nicht so demokratische Staaten wie Chine, Russland und diverse afrikanische Staaten sein. Das heisst, dass man sich in seinen Ueberlegungen nicht allein auf Australien und deren Explorer abstützen kann.
Insgesamt richtig. Ein Rennen gibt es aber auch um Graphit, eine Kohlenstoffmodulastion (kein Metall), das aber nicht zun Verbrennen, sondern für auch für diese Batterien gebraucht wird. Reiche Vorkommen gibt es leider eher in Problembär-Staaten, etwa Tansania.
Beispiel: Was nützt es, wenn Li in Australien in geringen Mengen gefunden wird und dann CN dieses plötzlich in rauhen Mengen auf den Markt wirft.
Das ist viel komplexer. Funde in Australien werden im Rohzustand nach China verschifft, dort raffiniert, und dann weltweit verkauft. Bei Lithium ist ein Problem, dass es nicht (fast) rein gewonnen werden kann wie die schwereren Metalle, sondern entweder in komplizierten mineralischen Verbindungen oder in Laugen. Beides bedeutet chemisch komplexe Prozesse, um zum reinen Lithium zu kommen. Es ist ärgerlich, dass China hier inzwischen grosstechnisch führt. Chinas Eigenvorkommen sind relativ zur Grösse Chinas nicht wahnsinnig. Australien ist da relativ kühl und handelt auch mit China, wie beschrieben.
Ich denke diese Art Aktien sind vor allem für Leute interessant, die, neben einem gewissen Zockertrieb, vor allem auf reale zukünftige und globale Entwicklungen reagieren. Vermutlich, ich weiss es nicht, sind sie weniger geeignet für Trader, die auf Entscheide mittels Technischer Analyse basieren (prophezeiende Historiker :D nothing for ungood).
Insgesamt richtig. Man könnte von spekulativen längerfristigen Anlegern ohne Hemmungen vor Schnelltrades reden. Daytrading (es wäre dann Nighttrading an der ASX als Europäer) mache ich eh nicht; die Titel sind dafür wenig geeignet (zu wenig liquide).
Sind solche Explorer-Aktien also eher etwas für Langfristanleger?
Solche, die eine Core-Satellite-Strategie fahren (mehr dazu etwa hier: https://www.youtube.com/watch?v=AtBDE5ZcKKs), und es ist dann ein Satellite, nicht das Core.

Lg X.

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